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Wie der Duden die Wörter aufbläst …

Die 28. Auflage des Duden wirbt mit 3.000 neuen Wörtern. Diese erstaunlich hohe Zahl übernahmen am Erscheinungstag die meisten Medien aus der Pressemitteilung in ihre Berichte. Dabei beruht die Zahl auf einem Taschenspieler-Trick.

„Der neue Duden – 3.000 Wörter stärker“ oder „Der neue Duden – dick wie noch nie“ oder „Der neue Duden ist schwer von Begriffen“ oder „1296 Seiten, die zeigen: Sprache lebt“: In den Nachrichten kommt die 28. Auflage des Duden rüber, als hätte sich enorm viel getan in den letzten drei Jahren. Auf dem Cover und in der Werbung spielen die 3.000 neuen Begriffe die Hauptrolle, genau wie in den Meldungen der meisten Medien. Sie gehen aber einem uralten Trick auf den Leim.

Schon vor 30 Jahren warb der Duden so:

„Der neue Duden ist da! Mehr als 3.000 Wörter neu. Rund 110.000 Stichwörter.“

Heute sind es 148.000 Stichwörter (zum Vergleich: Konrad Dudens Ur-Duden enthielt nur 27.000 Einträge). Der Verdacht liegt nahe, dass diese Steigerung weniger an unserem immens wachsenden Wortschatz liegt als vielmehr an einer bestimmten Strategie des Duden-Verlags: nämlich immer mehr Komposita hinzuzufügen. Katzenvideo, Schummelsoftware, Intensivbett, Geisterspiel – alles neue Wörter im Duden. Dabei handelt es sich im Grunde nur um Zusammensetzungen alter Wörter.

„Wie sonst sollte man denn Intensivbett oder Geisterspiel anders schreiben?“, zitiert die Deutsche Presse-Agentur den Bonner Germanistik-Professor Kristian Berg. Er argwöhnt wie viele seiner Kollegen, dass der ursprüngliche Zweck (nämlich die Rechtschreibung zu klären) dem Verkaufsargument geopfert wurde.

Dass man neue Wörter durch Komposition alter Wörter endlos weitererzeugen kann, ist unter Germanisten ein alter Hut, und zwar nicht nur bei Substantiven – man denke zum Beispiel an unterschiedliche Vorsilben bei Verben. Schon zur Wendezeit, als der Leipziger Duden weitaus weniger Wörter produzierte als der Mannheimer, ereiferten sich die Professoren Helmut Glück und Wolfgang Werner Sauer in ihrem Buch „Gegenwartsdeutsch“ über diese Strategie: „Irgendwelche Komposita beliebig zum Füllen der Wörterverzeichnisse aneinanderzureihen“ kam ihnen schräg vor. Diese Art, ein Wörterbuch zu füllen, bringe dem Benutzer wenig, dem Verleger viel, kritisierten Glück und Sauer: Der Verlag könne nämlich „jederzeit die Notwendigkeit einer Neuauflage mit Mengenangaben begründen.“

Außerdem bemängelten sie, dass der Duden auf diese Weise eine einheitliche Linie verspiele: „Warum steht der Jagdhund im Duden, nicht aber der Jagdfalke, warum die Jagdgenossenschaft, nicht die Jagdgesellschaft? Warum fehlen rechtliche Begriffe wie Jagderlaubnis, Jagdverbot, Jagdgesetz, Jagdrecht, Jagdschutz, wo doch Jagdschein und Jagdzeit vermerkt sind, warum ist Jagdzeit ein bedeutsameres Wort als Jagdzeitschrift?“

Duden-Redaktionsleiterin Kathrin Kunzel-Razum erklärt die Auswahl so: „Wir haben bewusst Wörter ausgewählt, von denen wir überzeugt sind, dass sie länger Bestand haben werden.“ Rein statistisch scheint das zu klappen: Die Redaktion hat für die 28. Auflage zehnmal weniger Wörter ausgemustert als neu aufgenommen, nämlich 300. Gestrichen wurde übrigens der „Jägersmann“. Der „Jägermeister“ und die „Jägermeisterin“ dagegen haben überlebt.

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