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Warum Fertig-Nachrufe nicht fein sind

In den Medien ist es üblich, prominenten Menschen zu runden Geburtstagen ein Porträt zu widmen. Veröffentlicht werden diese Porträts oft schon weit vor dem Geburtstag. Diese Politik kann aber nach hinten losgehen. Wir zeigen ein peinliches Beispiel.

Der Grund, warum Medien den Promis oft viel zu früh gratulieren, liegt im Wettbewerb: Keine Redaktion bringt gern Inhalte, die die Konkurrenz schon Tage vorher hatte. Was also tun? Man kommt den anderen Medien zuvor! Das hat aber einige Nachteile. Der schlimmste ist gerade bei dem Künstler Jean-Jacques Sempé („Der kleine Nick“) eingetreten, dessen Geburtstag die österreichische „Kleine Zeitung“ schon einige Zeit vor seinem 90. Geburtstag feierte. Allerdings wurde Sempé nicht 90: Wenige Tage vor seinem Geburtstag ist er leider gestorben. Noch am Tag danach konnte man in der Online-Ausgabe der „Kleinen Zeitung“ seine Geburtstags-Gratulation lesen – peinlich!

Interessant ist aber auch, wie die Redaktion reagierte, als sie ihren Fehler bemerkte: Sie änderte nur das Allernotwendigste in Überschrift und Text

Vorher:

Nachher:

Kann man also ganz fix aus einer Gratulation eine Kondolation machen? Ist ein Nachruf nichts weiter als ein Geburtstagsporträt im Präteritum? Tatsächlich handhaben es sehr viele Redaktionen genau so, und zwar schon seit Jahrzehnten. Wenn jemand stirbt und man hat wenig Zeit, schnappt man sich den Text vom letzten runden Geburtstag und wandelt ihn ein bisschen ab. Aber ist das auch gut?

Nein, das ist alles andere als gut und schon gar nicht fein. Ein Nachruf ist dann ein guter Nachruf, wenn er nach dem Tod eines Menschen dessen Leben in der Rückschau angemessen rekapituliert und diesem einen Menschen dabei gerecht wird. Richtig gut wird er erst, wenn auch die Gefühle des Publikums aktiviert werden, wenn es den Wert dieses Menschen erkennt und wenn es manchmal sogar ein bisschen die Endlichkeit des Seins dabei spürt. Damit hat allerdings der Automatenjournalismus, wie er hier in aller Peinlichkeit sichtbar wurde, nicht das Geringste zu tun.