Suche
  • Seminare | Coaching | Beratung
  • Tel. 02833 | 576117-0
Suche Menü

Das Statement als rhetorisches Kunststück: Argumentation in 10 bis 20 Sekunden

Jeden Abend kann man in den Fernsehnachrichten den Politprofis bei einem Kunststück zuschauen: Dem Publikum in 10 bis 20 Sekunden eine bestimmte Position nahezulegen. Das klappt mal besser, mal schlechter. Wir machen mal vor, wie man so ein Statement schreibt.

Von Stefan Brunn

Statements haben einen großen Vorteil: Man kann sie sich komplett vorher zurechtlegen. Sie haben aber auch einen großen Nachteil: Es ist ganz schön schwer, ein gutes Statement zu schreiben. Es muss sich nämlich nicht nur gut sprechen lassen, es darf in der Argumentation auch keine (offensichtlichen) inhaltlichen Lücken enthalten und es muss vor allem andere Menschen überzeugen. Es gehört viel Handwerk dazu und ein bisschen Talent.

Wo fängt man nun beim Statement-Schreiben an? Ganz klar: beim Zielsatz. Man definiert, was sich die Zuschauer einprägen sollen. Idealerweise ist der Zielsatz die conclusio und climax Ihrer Argumentation zugleich. Wir greifen mal ein beliebiges Beispiel heraus: Ihre Partei will Maßnahmen gegen Motorradlärm ergreifen. Ein entsprechender Zielsatz könnte lauten: „Wir müssen diesem Lärm jetzt Grenzen setzen!“

Die Standardlänge eines Beitrags in einem anderthalbminütigen Nachrichtenstück liegt zwischen 10 und 20 Sekunden. Für unseren Zielsatz sind höchstens 5 Sekunden draufgegangen. Es bleiben uns also noch 15 Sekunden – genug für einen attraktiven Auftakt und eine prägnante Argumentation in der Mitte.

Auftakt: Wie wäre es mit einer Provokation? „Es gibt viele Motorradfahrer, die glauben, sie könnten überall so rumbrausen wie auf dem Hockenheim-Ring!“ Das ist anschaulich und öffnet die Ohren, es steckt ein starkes Verb drin und eine gute Portion Aggression. Die Zuschauer werden gespannt darauf warten, was Sie noch zu bieten haben.

Jetzt folgt der Mittelteil, eine ganz knappe Argumentation: „Die definieren ihren Spaß ja gerade durch die Lautstärke. Die haben Auspuff-Verstärker! Aber fragen Sie mal Anwohner, wie die das finden.“ So werden Sie noch konkreter und polarisieren zwischen Gut und Böse – und haben dabei ganz sicher die Mehrheit auf Ihrer Seite.

Jetzt müssen Sie aber auch noch den Zielsatz richtig anbinden und idealerweise sogar noch einen draufsetzen: „Wir müssen diesem Lärm jetzt Grenzen setzen – der ist inzwischen ein echt gravierendes Umweltproblem.“

Damit haben Sie den Sack zugemacht: Wer wollte denn Umweltprobleme nicht begrenzen? Letztlich haben Sie damit vor allem die größte Zielgruppe erreicht: Selbst wer bis dato noch überhaupt kein Problem mit lärmenden Motorrädern wahrgenommen hatte, wird von Ihnen vereinnahmt.

Am Ende lautet unser Text also wie folgt:
„Es gibt viele Motorradfahrer, die glauben, sie könnten überall so rumbrausen wie auf dem Hockenheim-Ring! Die definieren ihren Spaß ja gerade durch die Lautstärke. Die haben Auspuff-Verstärker! Aber fragen Sie mal Anwohner, wie die das finden. Wir müssen diesem Lärm jetzt Grenzen setzen – der ist inzwischen ein echt gravierendes Umweltproblem!“

Wir haben jetzt 5 Sätze, 50 Wörter und 350 Zeichen. Wenn man es flüssig spricht, landet man bei 17 bis 20 Sekunden. Mehr passt in einen Beitrag von Tagesschau & Co. nicht rein!

Übrigens kann man das ganze Spielchen natürlich auch von der Gegenseite aus angehen – dann müsste man den Lärm natürlich strategisch kleinreden …

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.